von Udo Pollmer
Die Geschichte der Backmittel beginnt mit natürlichen Malzprodukten. Ein Segen für den Bäcker, der damit die Enzymaktivität der damals typischen, schwachen Mehle erhöhen konnte. Um 1920 tauchen dann allerlei chemische Mehlbehandlungsmittel auf, insbesondere Oxidantien zur Bleichung und Verbesserung der Backfähigkeit. In deutschen Mühlen stießen sie auf großes Interesse.
Lebensmittelchemiker gegen Backmittel
Nach dem Krieg forderten Vertreter der
Backmittel-Branche (Diamalt) ein striktes Verbot aller "chemischen"
Behandlungsstoffe. Unterstützung bekamen sie von den Lebensmittelchemikern, die
im Januar 1952 erklärten: "Die Mehlbehandlung ist grundsätzlich
abzulehnen." In der DDR war bereits per Rundverfügung vom 31.5.1951
"jegliches Bleichen und Behandeln von Mehlen verboten."
Auch der Nobelpreisträger Otto Warburg befürwortete ein generelles Verbot und
erreichte, daß die deutschen Laureaten aus Chemie und Medizin eine
entsprechende Petition an Adenauer unterschrieben. Warburg: "Diese
Substanzen sind bei ständigem Genuß gefährlich ... Wenn die Backfähigkeit
nur auf Kosten der Gesundheit erreicht werden kann, so müssen sich die Bäcker
mit der natürlichen Backfähigkeit des Mehles begnügen. Bekanntlich ist Brot
auch schon vor der chemischen Mehlbehandlung gebacken worden..." Die
Zusatzstoff-Diskussion führte, so der Lebensmittelchemiehistoriker Prof.
Strahlmann, zur Gründung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, deren
Fachkommission auch ein Verbot der Behandlung von Roggenmehlen forderte. Zwar
wurden im Laufe der Jahre viele Oxidantien verboten, doch war der Siegeszug der
Chemie nicht aufzuhalten, wie Warburg resignierend einsah: "Die ganze Sache
hat sich als völlig zwecklos erwiesen, weil für alle Gifte, die sich
rentieren, Ausnahmen gemacht wurden..."
Neben der Erkenntnis, daß offenbar in Chemie und Medizin ein Generationswechsel
stattgefunden hat, sind zwei Dinge bemerkenswert: Erstens ist die Backqualität
unserer Weizensorten durch züchterische Bearbeitung so gut wie nie zuvor.
Zweitens verhalf gerade der Roggen den Backmitteln zum Durchbruch. Dank des
Kunstsauers war es möglich, Roggenbrot auch großtechnisch herzustellen: Diese
Mixtur aus allerlei Feinchemikalien machte die Teigbildung berechenbar und damit
automatisierbar - im Gegensatz zum Sauerteig, der "gepflegt" werden mußte.
Bald setzte sich der Kunstsauer auch in der handwerklichen Bäckerei durch. Die
Backmittelwirtschaft prosperierte. Vergessen waren die guten Vorsätze der
Vergangenheit. Um einen stagnierenden Markt zu beleben, ersann man die teuren
aber bequemen Fertigmischungen, die nur noch mit Wasser und Hefe versetzt, umgerührt
und abgebacken werden müssen. Die Körnerwelle verhalf ihnen zum endgültigen
Durchbruch. Schließlich stellt traditionell hergestelltes Vollkornbrot gewisse
fachliche Anforderungen an den Bäcker.
Bäckerei - noch ein Handwerk?
Inzwischen löst ein neuer Trend die
Fertigmischungen ab: Tiefkühl-Teiglinge, die den Beruf des Bäkkers erneut
revolutionieren. Wir alle kennen jene Schaubäckereien, wo vor den Augen der
Kunden Brezeln, Brötchen und Teilchen "ofenfrisch" gebakken werden.
Hier handelt es sich gewöhnlich um tiefgefrorene Fabrikware, die nur noch
abgebacken wird, also im eigentlichen Wortsinn weder frisch noch handwerklich
ist. Die Tiefkühlware wurde inzwischen zum Standard in deutschen Bäckereien.
Doch welcher Kunde erwartet schon Fabriksemmeln, wenn er bei "seinem"
Bäcker kauft? Nicht daß Tiefgekühltes aus der Brotfabrik schlechter wäre,
als die bisher üblichen Fertigmischungen. Aber warum sträubt sich die Branche
so dagegen, zu benennen, wie sie arbeitet? Das Vertuschen schadet vor allem dem
traditionellen Bäcker. Diese Wettbewerbsverzerrung ruiniert ein uraltes
Handwerk.